Mit einem Satz anfangen
Wer eine Sprache lernen möchte, kann sich leicht zwischen Zeichentabellen, Grammatik und Wörterbuch verlieren. Der hier gewählte Weg beginnt deshalb mit einem ganzen Satz aus Jubiläen 10,7. Er wird in überschaubare Abschnitte gegliedert. Schon am Anfang fragen wir: Wer spricht? An wen richtet sich die Rede? Wer soll handeln? Solche Fragen geben den einzelnen Wörtern einen Zusammenhang.
Das bedeutet nicht, die Grammatik zu überspringen. Ihre Erklärungen werden dort eingeführt, wo eine Beobachtung am Text sie nötig macht. Der erste Satz darf zunächst schwierig bleiben. Wir kehren zu ihm zurück und entdecken mit wachsendem Wissen mehr. Eine vertraute Übersetzung auswendig wiederzugeben ist dabei ein anderes Lernziel, als die Form eines Wortes selbstständig zu erkennen.
ወይቤለነ፡እግዚአብሔር፡አምላክነ፡
ከመ፡ንእስር፡ኵሎ።
Umschrift wa-yəbelana ʾəgziʾabəḥer ʾamlākəna
kama nəʾsər kwəllo
Eigene Arbeitsübersetzung, sprachlich geglättet Und der Herr, unser Gott, sagte uns, dass wir alle [Geister] binden sollten.
Jubiläen 10,7 vollständig, nach R. H. Charles, The Ethiopic Version of the Hebrew Book of Jubilees, Oxford 1895, S. 35. Der berichtende Engel spricht zu Mose; das „uns“ meint die beauftragten Engel. „Geister“ ergänzt den Bezug aus dem Zusammenhang. Umschrift und Übersetzung aus dem eigenen Lernprojekt; derselbe Vers ist auf Folie 13 der eigenen Vortragsfassung für den 20. Februar 2027 ausgewiesen.
Schon dieser kurze Satz zeigt, wie Spracharbeit und Auslegung zusammenhängen. Wer spricht mit „uns“? Worauf bezieht sich „alle“? Und beschreibt die Formulierung einen Auftrag oder bereits dessen Ausführung? Die Antwort verlangt den Erzählzusammenhang: Auf den Auftrag folgt Mastemas Bitte; danach wird die Bindung begrenzt. Eine Übersetzung muss den jeweiligen Schritt erkennbar lassen. Der Beitrag zu Henoch, Jubiläen und Tobit führt diese Beobachtung in den Textvergleich weiter.
Schrift, Umschrift und Übersetzung unterscheiden
Die Arbeit beginnt an der altäthiopischen Schrift. Zeichen müssen sorgfältig erkannt und Wörter voneinander abgegrenzt werden. Dabei sind drei Fragen auseinanderzuhalten: Welche Zeichen stehen im Text? Aus welchen grammatischen Bestandteilen besteht ein Wort? Welche Aufgabe hat es im Satz? Die sichtbaren Grenzen der Schrift erklären die grammatischen Zusammenhänge nicht von selbst.
Eine Umschrift macht die Schrift mit lateinischen Zeichen zugänglich. Sie bleibt im Lernprojekt neben dem Original verfügbar, auch in Übersichten und Übungen. Sie hilft beim Wiedererkennen und Nachschlagen. Aussprachehilfen werden als Annäherungen gekennzeichnet. Das Original, seine Umschrift und eine deutsche Übersetzung erfüllen somit unterschiedliche Aufgaben. Wer eine Zeile in Umschrift lesen kann, hat damit noch nicht ihren Satzbau erklärt.
Zur Sorgfalt gehört, eine überlieferte Schreibung zu prüfen. Ein unsicher erkanntes Zeichen darf nicht unbemerkt zur Grundlage einer grammatischen Regel werden. Im Projekt wird deshalb auf die sichtbaren Druckseiten der verwendeten Ausgaben zurückgegriffen. Eine scheinbar klare Abschrift kann einen Kopierfehler enthalten; eine automatisch erkannte Textschicht kann Zeichen verwechseln.
Von der Wortform zum Satz
Bei der Formenlehre untersuchen wir den Aufbau eines Wortes. Dazu gehören beispielsweise die Frage nach einer Wurzel und die Frage nach angefügten Bestandteilen. Die Satzlehre fragt weiter: Wie hängen die Wörter zusammen? Wer tut etwas, wem gilt eine Handlung, worauf verweist ein Fürwort? Beide Blickrichtungen werden an denselben Sätzen eingeübt.
Eine Formbestimmung wird überzeugender, wenn ihre Begründung sichtbar bleibt. Statt nur eine grammatische Bezeichnung zu nennen, erklärt eine Musteranalyse, welches Merkmal erkannt wurde und wie es im Satz verstanden wird. Kleine Vergleichstabellen erleichtern das Wiedererkennen. Anschliessend folgt der eigene Versuch an einer weiteren Form oder einem neuen Satz.
Die deutsche Fassung entsteht aus diesen Beobachtungen. Ein bekanntes Wort allein entscheidet noch nicht, wie der ganze Satz zu übersetzen ist. Der Zusammenhang muss mitgelesen werden: Handelt es sich um eine Bitte, einen Auftrag oder eine Erzählung? Worauf beziehen sich die Aussagen? Eine gut lesbare Übersetzung soll diese Zusammenhänge verständlich machen und sich zugleich am Ausgangstext prüfen lassen.
Drei Kapitel als wiederkehrender Lernweg
Der Lernweg führt durch Jubiläen 2, Jubiläen 10 und 1 Henoch 10. Diese Kapitel bilden einen gemeinsamen Textbestand, zu dem die Übungen wiederholt zurückkehren. Die aktuelle Fassung enthält alle drei Kapitel mit Geʿez-Text, Umschrift und deutscher Strukturübersetzung. An einzelnen Stellen werden die Leseschritte eingeübt; die zusammenhängende Lektüre hält dabei den grösseren Zusammenhang sichtbar.
Die zwölf Lektionen führen vom ersten Lesen über Wortformen und einfache Sätze zu schwierigeren Verbindungen, zum Übersetzen und zur Auslegung. Bereits bekannte Formen begegnen erneut. Die neue Aufgabe verlangt jeweils etwas mehr Selbstständigkeit: erkennen, zuordnen, begründen und schliesslich vergleichen.
- Lesen: Zeichen und Wortgrenzen wahrnehmen; Umschrift und Wortschatz als Hilfen nutzen.
- Beobachten: eine auffällige Form untersuchen und die Beteiligten des Satzes bestimmen.
- Begründen: eine grammatische Erklärung auf die konkrete Stelle beziehen.
- Übersetzen: einen deutschen Satz formulieren und die Entscheidungen am Text prüfen.
- Erneut versuchen: Bekanntes an einer anderen Stelle wiedererkennen und offene Fragen festhalten.
Eine begründete Entscheidung darf vorläufig bleiben
Manche Fragen lassen sich beim ersten Lesen nicht entscheiden. Das ist ein Anlass zum Nachschlagen und Vergleichen. Im Projekt werden bestätigte Korrekturen getrennt von den ursprünglichen Abschriften dokumentiert. Noch nicht vollständig geprüfte Formen werden als offen markiert und dienen nicht als sichere Muster.
Der Lernweg und eine kritische Textausgabe haben dabei unterschiedliche Aufgaben. Das Lehrbuch erklärt Lesen, Analyse und Übersetzung. Eine kritische Ausgabe dokumentiert und beurteilt die Textüberlieferung. Die vollständige Überprüfung der drei verwendeten Abschriften gegenüber den Ausgaben steht noch aus. Wer diese Grenze kennt, kann mit geprüften Stellen weiterarbeiten und zugleich offenhalten, was weiterer Untersuchung bedarf.
Textgrundlage und weiterführende Literatur
Die folgenden Ausgaben und Grammatiken sind im Lernprojekt bibliografisch dokumentiert. Die Grammatiken dienen als Hintergrund für einzelne Erklärungen; ihre vollständige Durcharbeitung wird für diesen Einstieg nicht vorausgesetzt. Für den hier gezeigten Satz wird die konkrete Editionsseite genannt. Eigene Übersetzungen und erklärende Ergänzungen werden von der Textgrundlage unterschieden.
- R. H. Charles: The Ethiopic Version of the Hebrew Book of Jubilees. Oxford 1895. Textgrundlage für Jubiläen 2 und 10.
- R. H. Charles: The Ethiopic Version of the Book of Enoch. Oxford 1906. Textgrundlage für 1 Henoch 10.
- Patrick Gröhl: Offenbarung als vermitteltes Ordnungsgeschehen. Vom Einzeltext zur modellartigen Verdichtung. Eigene Vortragsfolien, Fassung v2, für den 20. Februar 2027 datiert. Folie 13: Jubiläen 10,7–9; Folie 14: Unterweisung, Niederschrift und Weitergabe in 10,10.13–14.
- Thomas O. Lambdin: Introduction to Classical Ethiopic (Geʿez). Harvard Semitic Studies 24. Missoula, MT: Scholars Press, 1978. Grammatische Hintergrundreferenz des Projekts.
- Archie T. Wright: Basics of Ancient Ethiopic: A Complete Grammar, Workbook, and Lexicon. Grand Rapids: Zondervan Academic, 2022. Weitere grammatische Hintergrundreferenz.